Keine Ehre, wem keine gebührt

Grüne in der Mainzer Neustadt beantragen Umbenennung von Pfitznerstraße, 117er-Ehrenhof und Hindenburgstraße

Bereits für die Sitzung des Ortsbeirats Mainz-Neustadt im März 2020 hatten die Ortsbeiratsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und DIE LINKE einen Antrag zur Änderung von Straßennamen mit NS-Belastung eingereicht. Diese Sitzung musste aufgrund der Corona-Pandemie dann aber kurzfristig abgesagt werden. Nun steht der Antrag in der Ortsbeiratssitzung am 24.6. auf der Tagesordnung.

„Wir beantragen einerseits, die Umbenennung der Pfitznerstraße zeitnah vorzunehmen“, so Ortsbeirätin Clara Wördsdörfer. Denn der Komponist Hans Erich Pfitzner habe sich noch im Juni 1945 in publizistischen Äußerungen als Verehrer Hitlers, Rassist und unverbesserlicher Antisemit gezeigt. Entsprechend sei die 2011 eingesetzte Arbeitsgruppe „Historische Straßennamen“ in ihrem Abschlussbericht zu der Einschätzung gekommen die Straße umzubenennen.

„Darüber hinaus“, so Wörsdörfer weiter, „sprechen wir uns dafür aus, den 117er Ehrenhof wieder nach dem Mainzer Naturforscher Georg Forster zu benennen und einen Prozess zur Umbenennung von Hindenburgstraße und Hindenburgplatz in die Wege zu leiten. Wir möchten nicht einfach verschämt und ‚geräuschlos’ den Namen Pfitzner tilgen.

„Wir glauben, dass es an der Zeit ist für eine umfassende und von der Bürgerschaft getragene Auseinandersetzung mit nationalsozialistisch und rassistisch motivierter Ehrungskultur in unserem Stadtraum.“

Clara Wörsdörfer, Mitglied des Ortsbereits

Im Fall des 117er-Ehrenhofs ist die Situation etwas verwickelter. Der früher nach Georg Forster benannte Platz wurde im Zuge der Errichtung eines Ehrenmals für das 1919 aufgelöste Hessische Infanterie-Regiment Nr. 117 umbenannt – die Errichtung wurde allerdings von den Nationalsozialisten als Demonstration gegen den Versailler Vertrag inszeniert. „Bis heute“, so Wörsdörfer, „vermittelt der leicht verwahrloste Platz, jenseits von Gedenken an gefallene Soldaten, eine Botschaft militaristischer Propaganda und Feier deutschen Großmachtstrebens.“ Der Antrag plädiert dafür, die historische Tiefe des teilweise verwahrlosten Platzes wieder zu reaktivieren und die ‚Rückbenennung’ mit einer zukunftsweisenden und kritischen Gesamtgestaltung zu verbinden.

Zu Hindenburgstraßen wurden in vielen deutschen Städten bereits Umbenennungsverfahren eingeleitet, zum Teil in vorbildlichem Zusammenspiel von Politik, Bürger*innen und Expert*innen. Die jüngere Forschung hat herausgearbeitet, dass der Antidemokrat Hindenburg nicht altersseniles Opfer war, sondern bis zum Ermächtigungsgesetz die NS-Politik der Verfolgung und Zerstörung legitimierte. „Er ist nicht zu leugnender Teil der deutschen Geschichte“, so Wörsdörfer, „aber: Er gehört als Steigbügelhalter Hitlers eindeutig nicht mehr zum Kreis derer, auf die wir uns traditionsbildend berufen sollten.“ Sie betont: „Die in dem Antrag behandelten Straßennamen waren explizit als Ehrungen gedacht – wir sehen heute die Zeit gekommen, diese Ehrung zu entziehen und Straßennamen zu finden, mit denen sich auch künftige Generationen in positiver Weise verbinden können.“

„Es geht uns um eine aktive, bürgerschaftliche und demokratische Fortschreibung unserer Stadtgeschichte“

Marco Neef, Fraktionssprecher der Grünen im Ortsbeirat Mainz-Neustadt

Marco Neef betont: „Die Stadt sollte alle Kosten von Gebühren übernehmen, die im Zuge der Umbenennung für die Bürger*innen entstehen und auf die die Stadt einen Einfluss hat. Das wird auch in Darmstadt bei der Umbenennung der Hindenburgstraße so gehandhabt.“

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